Allgemeinwissen oder nicht?

Es war das Finale der French Open.
Falls du dich mit Sport nicht sonderlich auskennst: Die French Open sind eins der vier bedeutendsten und größten Tennisturniere der Welt.

Boris Becker war einer der beiden Kommentatoren dieses Finals.

Gegen Ende des Matches waren beide Spieler deutlich angeschlagen. Sie waren körperlich an ihrer Grenze oder auch schon darüber hinaus. Ein Spieler hatte schon mit Krämpfen zu kämpfen. 

Dann sagte Boris Becker sowas wie:

„Naja, wenn du 3:5 zurückliegst, dann sind die Schmerzen natürlich viel deutlicher wahrnehmbar, als wenn du 5:3 führst.“ 

Ich fand es faszinierend, wie klar das für ihn war, wie logisch.
Es kam wie ein Grundwissen rüber.
Wie etwas, das klar ist und das jeder weiß. 

Ich vermute, es gibt viele Menschen, die sich noch nicht damit beschäftigt haben und denen nicht bewusst ist, welchen Einfluss ihr innerer Zustand oder die Gedankenqualität, der sie gerade zuhören, auf körperliche Beschwerden hat.

Denn das trifft natürlich nicht nur auf Tennisspieler oder Hochleistungssportler zu, sondern gilt für jeden Menschen.

Wir kennen das von kleinen Kindern, die hinfallen und sich das Knie aufschürfen.
Da pusten die Eltern, nehmen sie in den Arm, sagen „nicht so schlimm“ und lenken sie ab, indem sie sagen: „Oh, guck mal, hast du gesehen? Da hinten ist das und das."

Oder: „Schau mal, ein Schmetterling.“ 

Sie lenken sie ab -  was bedeutet das eigentlich?

In dem Moment, in dem sie abgelenkt sind, sind ihre Gedanken nicht mehr da, wo sie gerade noch waren: bei dem, was im Körper los ist. (Aua, mein Knie! Das tut sooo weh. Das ist abgeschürft und blutet!)

Es bedeutet nicht, dass ein aufgeschürftes Knie 2 Sekunden später anders oder weniger wehtut.
Oder dass sich die Physiologie des Körpers in diesen 2 oder 5 Sekunden völlig verändert hat.

Sondern: Je nachdem, wo meine Aufmerksamkeit ist, erlebe ich den Schmerz.
Oder auch nicht.

Ist meine Aufmerksamkeit auf dem aufgeschürften Knie, nehme ich den Schmerz viel mehr und viel intensiver wahr.

Ist meine Aufmerksamkeit aber auf dem Schmetterling (oder womit die Eltern mich auch immer abgelenkt haben) ist es das, worauf mein Fokus liegt.

Die Ablenkung ist in meinem Bewusstsein und nicht mehr mein Knie.
Und deswegen spüre ich die Schmerzen nicht mehr so stark oder „vergesse“ sie sogar ganz. 

Wenn du beim Tennis zurückliegst und kurz davor bist, ein Spiel zu verlieren, und dich mental mit diesem „Oh nein, jetzt habe ich auch noch Krämpfe“, beschäftigst, dann ist es leicht, gedanklich in eine Abwärtsspirale zu geraten. 

Wenn wir gedanklich in eine Abwärtsspirale rutschen, wird unsere Gedankenqualität düsterer und zäher und wir „verlieren“ ein bisschen unsere Fähigkeit, klar zu denken.

Unser Bewusstseinslevel verändert sich von zuversichtlich und hoffnungsvoll auf frustriert und zweifelnd oder hoffnungslos, und unsere Stimmung geht in den Keller.

In diesem Bewusstseinslevel nehmen wir Schmerzen generell anders (= intensiver) wahr als in einem höheren Bewusstseinslevel. 

Für alle, die mit Tennis gar nichts am Hut haben: Normalerweise ist bei einem Satz bei 6 Schluss, wenn mindestens zwei Spiele Unterschied sind.

Wenn ich mit 5:3 führe, das Ende scheint in Sicht, nur noch ein paar Punkte und dann gehört der Satz mir, und ich habe Schmerzen, dann bin ich gedanklich eher zuversichtlich. „Ach komm, das schaffst du noch. Nur noch ein Spiel, das kriegst du auch noch hin.“

Das heißt, ich bin in einem viel positiveren Vibe, in einem hoffnungsvolleren und positiveren Bewusstseinszustand.

In diesem Bewusstseinszustand nehme ich Schmerzen anders wahr oder bewerte sie anders. Das führt dazu, dass ich sie anders spüre und erlebe.

Der Fokus liegt gedanklich nicht auf dem Negativen (den Krämpfen), sondern auf dem Positiven, Hoffnungsvollen (wird schon!).

Was diese Perspektive möglich macht

Ich fand es total faszinierend, dass das für Boris und Profisportler generell so klar ist und für Otto-Normalverbraucher eben oftmals nicht.

Da sieht es so aus, als fühlte sich eine Verletzung oder ein Symptom im Körper immer gleich an.
Auf die Idee, dass sich das unterschiedlich anfühlen und das Empfinden variabel sein könnte, kommen wir gar nicht! 

Aber wenn wir diese Möglichkeit in Betracht ziehen und einen Einblick darin gewinnen, dass wir dem Schmerz oder Symptom nicht ausgeliefert sind, sondern so viel mehr Einfluss darauf haben, als wir dachten, dann ändert sich alles.

Schmerzempfinden, Fokus und Bewusstsein

Was heißt das für dich?

Wenn du Symptome, Beschwerden oder Schmerzen hast, mit denen „du leben musst“, hast du Einfluss darauf, wie du damit umgehst.
Du bist dem nicht völlig hilflos ausgeliefert.

Du brauchst nicht zu hoffen, dass sich doch noch etwas verändert oder verbessert.
Du musst nicht warten, bis sie – aus welchen Gründen auch immer – verschwinden.
Du kannst sie jetzt, in diesem Moment, anders erleben.

Ist das nicht großartig?!

Wenn du magst, eine Reflexion für dich:

Hast du schon mal erlebt, dass Ablenkung die Intensität von Schmerzen oder Symptomen verändert hat?

Ist dir bewusst, wie sich deine „Sicht auf die Welt“ (inkl. Symptome und Schmerzen) ändert, je nachdem, in welchem Bewusstseinszustand du gerade bist?
Wie hilft dir das im Alltag?

Wir freuen uns auf deinen Kommentar.

Die Drei Prinzipien erklären, wie wir Menschen funktionieren und wie Probleme und Leiden entstehen. Ich verstehe ich mich als eine Art Wegweiser und liebe ich es, meine Klienten auf den Ort, an dem zu jedem Zeitpunkt die perfekte Lösung zur Verfügung steht, aufmerksam zu machen.

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